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Gibt es einen Unterschied zwischen Reisenden und Touristen?

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Immer wieder ist die Rede von authentisch reisen und Tourist ist dabei fast schon ein Schimpfwort. Doch gibt es wirklich einen Unterschied zwischen Reisenden und Touristen? Eigentlich weniger, als uns so manche Reise-Community glauben lässt. Ein Tourist ist schließlich auch ein Reisender und für mich entscheidet nicht der Reisestil darüber, wie intensiv wir ein Land kennenlernen.

Woher kommt also dieser Drang, unbedingt ein:e Reisende:r zu sein und bloß kein Tourist? In diesem Beitrag erfährst du meine persönliche Sichtweise darauf und warum ich selbst überhaupt kein Problem damit habe, Touristin zu sein.

Touristen und Reisende in Vietnam
authentisch oder touristisch?
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Für Eilige: Reisender oder Tourist?

Kurz gesagt: Ein Tourist ist auch ein Reisender. Im alltäglichen Sprachgebrauch wird trotzdem häufig unterschieden: Touristen werden eher mit klassischen Sehenswürdigkeiten, organisierten Angeboten und bekannten Urlaubsorten verbunden, während sich Reisende gern als individueller und stärker an Land und Leuten interessiert beschreiben.

Für mich ist diese Trennung allerdings viel zu pauschal. Ob Backpacking, Luxushotel, Gruppenreise oder Roadtrip sagt wenig darüber aus, wie offen und interessiert jemand ein Land erlebt. Du kannst die berühmtesten Sehenswürdigkeiten besuchen und trotzdem tief in eine Kultur eintauchen.

Vom Reisen zum Tourismus: ein kurzer Rückblick

Menschen reisen schon seit Jahrhunderten aus ganz unterschiedlichen Gründen. Im Mittelalter begaben sich viele aus religiösen Motiven auf Pilgerreisen und legten dafür teilweise Hunderte Kilometer zurück. Sie übernachteten in Gasthäusern, besuchten Kirchen und heilige Stätten. Eine frühe Form des Tourismus also, auch wenn damals vermutlich niemand von sich behauptet hätte, Tourist zu sein.

Im 18. Jahrhundert etablierte sich das Reisen zunehmend als Bildungszweck. Wohlhabende Familien schickten ihren Nachwuchs auf eine Grand Tour durch Europa, um Sprachen zu lernen sowie Kunst, Kultur, Religion und Politik kennenzulernen. Solche Bildungsreisen konnten mehrere Jahre dauern.

“Nichts entwickelt die Intelligenz wie das Reisen.”

Emile Zola

Im 19. Jahrhundert wurde das Reisen zusätzlich zum Statussymbol. Der Adel bereiste den Orient und andere ferne Länder, wollte dabei aber keineswegs auf Komfort verzichten. Später kamen Erholung und Vergnügen als wichtige Reisemotive hinzu und spätestens im 20. Jahrhundert konnten sich zunehmend auch Menschen aus der Mittelschicht Urlaubsreisen leisten.

Die Gründe fürs Reisen haben sich also verändert und erweitert. Menschen reisen aus religiösen Gründen, zur Bildung, zur Erholung, aus Neugier oder einfach, weil sie eine schöne Zeit verbringen möchten. Die klare Grenze zwischen „dem Reisenden“ und „dem Touristen“ war dabei schon historisch weniger eindeutig, als es heute manchmal dargestellt wird.

Billig reisen, Backpacking und Massentourismus

Mittlerweile können deutlich mehr Menschen reisen als noch vor einigen Jahrzehnten. Straßen, Schienen und vor allem der Luftverkehr haben viele Reiseziele leichter erreichbar gemacht. Gleichzeitig ist der Tourismus für zahlreiche Länder zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor geworden.

In den 1960er-Jahren machten sich unter anderem Hippies mit sehr kleinem Budget auf den Weg, um die Welt zu entdecken. Sie trampten, zelteten am Straßenrand und reisten möglichst günstig. Daraus entwickelte sich ein Reisestil, den wir heute unter anderem mit Backpacking und Individualreisen verbinden.

Mit der Zeit entstand aber auch eine merkwürdige Abgrenzung: Auf der einen Seite der vermeintlich neugierige und authentische Reisende, auf der anderen der Tourist, der angeblich nur bekannte Sehenswürdigkeiten abhakt und wenig Interesse an der lokalen Kultur zeigt. Paradox, findest du nicht auch?

Dabei können Backpacker genauso in ihrer eigenen Reiseblase bleiben wie Gäste eines Luxusresorts. Und jemand, der eine organisierte Tour bucht, kann sich intensiv für Geschichte, Kultur und die Menschen eines Landes interessieren.

Für mich sagt deshalb weder das Reisebudget noch die Art der Unterkunft besonders viel darüber aus, wie jemand reist. Ich würde sogar sagen: Wir sind unterwegs alle Reisende und als Besucher eines Reiseziels eben häufig auch Touristen. Warum sollte es beim Reisen überhaupt ein „richtig“ oder „falsch“ geben?

Die Debatte nach dem Motto „Mein Reisestil ist besser als deiner“ oder „Ich bin Reisender, kein Tourist“ ergibt für mich deshalb wenig Sinn.

Fidschi
Kontakt mit Einheimischen auf den Fidschi Inseln als Touristin

Warum es völlig okay ist, Tourist zu sein

Ob jemand in einem günstigen Hostel schläft oder in einem Luxushotel, hat für mich wenig damit zu tun, wie authentisch eine Reise ist. Auch ich schreibe in dem einen oder anderen Blogbeitrag über besondere und authentische Erlebnisse. Trotzdem bin ich auf meinen Reisen ganz selbstverständlich auch Touristin.

Dem Trend, touristische Hotspots grundsätzlich zu meiden, weil sie angeblich nicht authentisch genug sind, kann ich wenig abgewinnen. Was wäre zum Beispiel ein Besuch in Barcelona, ohne sich die Sagrada Familia anzusehen? Sie gehört zu den bedeutendsten Bauwerken der Stadt und erzählt schließlich ebenfalls etwas über ihre Geschichte und Kultur.

Nur weil eine Sehenswürdigkeit viele Besucher anzieht, wird sie für mich nicht automatisch weniger sehenswert.

Ich besichtige die wichtigsten Sehenswürdigkeiten an den Orten, die ich bereise und bin demnach auch eine Touristin. Das ist völlig okay, ich schäme mich nicht dafür. Ich fühle mich in einem Campervan genauso wohl wie in einem Hotelresort. Für mich war die Art der Unterkunft noch nie das Entscheidende daran, wie intensiv ich ein Reiseziel erlebe.

Natürlich gibt es auch Touristen, deren Verhalten vor Ort ziemlich anstrengend sein kann. Ich bin mir sicher, auch du hast schon die eine oder andere Reisegruppe erlebt, bei der du lieber ein paar Schritte Abstand gehalten hast. Aber auch eine organisierte Tour kann Menschen fremde Orte, Geschichte und Kulturen näherbringen.

Entscheidend ist für mich deshalb weniger, ob jemand Tourist ist, sondern wie sich jemand als Tourist verhält.

Touristen oder Reisende
einzigartiges Erlebnis in der Sagrada Familia

Was ist der Unterschied zwischen Reisenden und Touristen?

Was ist der Unterschied zwischen Reisenden und Touristen?

Der Unterschied zwischen Reisenden und Touristen ist kleiner, als es im allgemeinen Sprachgebrauch oft klingt. Ein Tourist ist schließlich auch ein Reisender, aber nicht jeder Reisende ist automatisch Tourist.

In der offiziellen Tourismusstatistik wird sogar ziemlich genau definiert, wer als Tourist gilt: Ein Tourist ist ein Besucher, der außerhalb seiner gewohnten Umgebung reist und dabei mindestens einmal übernachtet. Wer einen solchen Ort besucht, aber nicht dort übernachtet, gilt dagegen als Tagesbesucher.

Interessant finde ich, dass es dabei gar nicht darauf ankommt, ob jemand mit Rucksack oder Rollkoffer reist, im Hostel oder Luxushotel schläft oder beruflich beziehungsweise privat unterwegs ist. Die offizielle Definition hat also erstaunlich wenig mit den typischen Vorstellungen zu tun, die wir mit „Touristen“ und „Reisenden“ verbinden.

Im alltäglichen Sprachgebrauch sieht das nämlich anders aus. Mit einem „Touristen“ verbinden viele Menschen klassische Sehenswürdigkeiten, bekannte Urlaubsorte und organisierte Angebote. Ein „Reisender“ klingt dagegen individueller, unabhängiger und interessierter an Land und Leuten.

Genau diese Trennung finde ich schwierig.

Menschen reisen schließlich aus den unterschiedlichsten Gründen. Manche suchen Erholung, andere möchten ihrem Alltag entkommen, neue Kulturen kennenlernen oder möglichst viel erleben. Oft ist es eine Mischung aus allem.

Natürlich kannst du durch Venedig fahren, eine Gondelfahrt machen und anschließend die bekanntesten Sehenswürdigkeiten fotografieren. Das macht dich zum Touristen, aber doch nicht automatisch zu einem oberflächlichen Reisenden.

Für mich schließen sich beide Begriffe deshalb nicht aus. Ich würde sogar sagen, wir sind auf unseren Urlaubsreisen meistens beides: Reisende und Touristen. Entscheidend ist nicht die Bezeichnung, sondern was wir aus einer Reise machen und wie wir uns vor Ort verhalten.

Venedig Touristne Attraktion
Gondelfahrt durch Venedig nur für Touristen?

Tourist oder Reisender? Die typischen Klischees

In der Reise-Community hält sich hartnäckig die Vorstellung, dass sich „echte Reisende“ deutlich von Touristen unterscheiden. Im Internet bin ich dabei auf einige herrlich überspitzte Vergleiche gestoßen.

Natürlich sind die folgenden Unterschiede keine ernst gemeinten Definitionen, sondern Klischees. Gerade deshalb zeigen sie ziemlich gut, wie eigenartig die Abgrenzung zwischen Touristen und Reisenden manchmal ist.

TouristenReisende
Touristen haben nichts dagegen, Touristen genannt zu werden.Reisende möchten auf gar keinen Fall als Touristen bezeichnet werden.
Touristen wollen alle bekannten Sehenswürdigkeiten sehen.Reisende sehen sich einige davon an, suchen aber auch nach Orten, die nicht im Reiseführer stehen.
Touristen probieren fremdes Essen mit einer gewissen Skepsis.Reisende essen lokale Spezialitäten mit Hingabe und verbringen anschließend vielleicht drei Tage auf der Toilette.
Touristen fotografieren berühmte Sehenswürdigkeiten.Reisende fotografieren lieber den vermeintlich „ganz normalen Alltag“.
Touristen reisen gerne in Gruppen oder mit der Familie.Reisende sind natürlich grundsätzlich individuell unterwegs. Zumindest behauptet das das Klischee.
Touristen lernen ein paar Wörter der Landessprache.Reisende machen das auch, tun aber so, als könnten sie schon viel mehr.
Touristen werden abgezockt.Reisende feilschen und werden schließlich auch abgezockt.
Einige Touristen betrinken sich.Reisende natürlich auch, nennen es aber lieber „das lokale Nachtleben kennenlernen“.
Touristen gehen ohne Scham im Ausland zu McDonald’s.Reisende gehen auch zu McDonald’s, erzählen es anschließend aber niemandem.
Touristen fahren in den Urlaub.Reisende gehen auf Reisen.

Fazit: Tourist oder Reisender?

Für mich liegt der entscheidende Unterschied weniger in der Bezeichnung als in der Einstellung und im Verhalten. Egal, ob jung oder alt, Budget oder Luxus, alleine oder in einer Reisegruppe, mit Rucksack oder Koffer, im Zug oder auf einem Kreuzfahrtschiff.

Du kannst die bekanntesten Sehenswürdigkeiten besuchen und trotzdem neugierig auf Land und Leute sein. Genauso macht dich ein Rucksack allein noch lange nicht zum besonders authentischen Reisenden.

Nimm dir Zeit für deine Reiseplanung, beschäftige dich mit der Kultur und Geschichte des Landes und begegne den Menschen vor Ort mit Respekt. Lerne dazu, probiere Neues aus und erweitere deinen Horizont. Ob du dich dabei als Tourist oder Reisender bezeichnest, ist für mich ziemlich nebensächlich.

Ich jedenfalls habe kein Problem damit, Touristin zu sein. Schließlich möchte ich auf meinen Reisen etwas von der Welt sehen und ja, dazu gehören für mich auch die berühmten Sehenswürdigkeiten.

Und wie ist es bei dir? Siehst du dich eher als Tourist, Reisende:r oder einfach als jemand, der gerne unterwegs ist? Schreib es mir gerne in die Kommentare.

Kuba
Reiten in Vinales, Kuba

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